Im Nachhinein betrachtet, scheint alles offensichtlich zu sein.
Kennst du diesen Blick zurück, dieses trügerische Gefühl, dass «alles schon geschrieben war»? Diese Illusion, die am Ende einer entscheidenden Etappe entsteht, wenn die Geschichte plötzlich schlüssig, fast elegant erscheint.
Diesmal hatte ich Zeit - und ich habe mir die Zeit genommen -, um dieses Phänomen zu dekonstruieren. Der Gegenstand meiner Beobachtung: meine Rückkehr in die Berufswelt nach eineinhalb Jahren fern vom Job.
Ich hatte diesen Satz schon oft gehört, in einem leichten Tonfall gesagt, aber mit Untertönen gespickt:
« Nach so einem Schnitt ... du wirst schon sehen, das wird nicht einfach».»
Diesen Satz, ich habe ihn gehört, ja. Ohne besondere Bedenken. Und auch nicht wirklich interessiert. Für mich war alles ziemlich selbstverständlich.
Der Familie ging es gut. Wir wussten, wo wir schlafen konnten und hatten genug zu essen. Die Bedürfnisse und Interessen jedes/jeder Einzelnen waren vielfältig, lebendig und erschienen mir gesund. Das Fundament sah in meinem Augen solide und ausgewogen aus.
Die Midlife-Crisis? Körperliche Wehwehchen? Die große Infragestellung des Lebensumfelds?
Ich fühlte mich von all dem weit entfernt. Außerdem hatte ich es nicht eilig, wieder ein intensives Arbeitstempo einzuschlagen. Offensichtlichen also keine Gründe, um zu kippen.
Das Leben jedoch scheint nicht zu rechnen.
Es scheint nicht nach Stabilität oder Bequemlichkeit zu streben. Ich habe den Eindruck, dass es etwas anderes verfolgt.

Nach einigen Monaten des inneren Hin und Her, des Herumprobierens in verschiedenen Themenbereichen, weicht der durch die Reise getragene und genährte Zustand einer diffusen Nervosität. Nach und nach verwandelt sich dieser in ein Gefühl des Kontrollverlusts - und noch heftiger: des Verlusts agieren zu können.
Die Macht zu handeln.
Dann finde ich mich in einer dunklen Sackgasse wieder, dunkler als alles, was ich bis dahin erlebt hatte.
Unfähig, mich zu motivieren. Unfähig, mich überhaupt daran zu erinnern, was «vorwärts» bedeutet.
Meine einzige Konstante ist - glücklicherweise - meine Familie.
Ich verbringe einen Großteil meiner Tage damit, zu weinen. Weinen aus Verzweiflung. Weinen, weil ich mich schuldig fühle. Weinen, weil der Sinn des Lebens ... sich zurückgezogen zu haben scheint.
Ich habe Glück. Die Welt um mich herum ist bereit, mir zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen.
Ich spüre die - neue, verwirrende - Möglichkeit, mich fallen zu lassen, wie einen Stein, der von einer Brücke geworfen wird. Ein seltsames, undurchsichtiges und doch irgendwie tragendes Gefühl.
Der erste Lichtstrahl kommt unerwartet.
Mein Sohn nimmt mich in den Arm und sagt mit entwaffnender Einfachheit:
«Papa, ich persönlich kann mit deiner Traurigkeit ziemlich gut umgehen, weil du nicht mehr auf mir herum hackst.»

Ich empfange diesen Satz. Ich begrüße ihn.
Ich liebe mich noch immer nicht. Aber ich liebe, was mein Sohn mir sagt.
In diesem Moment mache ich einen ersten bewussten Schritt. Ich rufe unsere Hausärztin an, die meine Frau und mich schon lange kennt. Ich mache einen Bootsausflug mit einem Freund, von dem ich weiß, dass er aufgrund seiner beruflichen und persönlichen Erfahrungen wohlwollend in mein Paradoxon eintauchen kann. Ich beschließe auch, die Daseinsanalyse mit einem befreundeten Philosophen zu starten.
Bei unserem ersten Treffen sagt er mir einfach:
«Ich sehe, dass deine "Sprungfedern" noch funktionieren. Du ergreifst die Initiative. Und das ist wichtig.»
Von hier aus beginnt eine neue Reise.
Ganz anders als der erste. Diese ist schnell, ja fulminant. Ich kann es kaum glauben.
Eine Woche später spüre ich die ersten Energieschübe. Mir fällt auf, wie nahe die Gemütszustände beieinander liegen - als wären sie Nachbarn. Zehn Tage später ertappe ich mich dabei, wie ich ich dabei bin innerlich zu fluchen, während ich im dichten Verkehr in die Pedale trete. Und dann wird mir klar: Ich befinde mich an einem für mich existenziellen Wendepunkt.
Rückkehr zum «energiegeladenen» Leben mit all seinen Exzessen und Kollateralschäden?
Oder etwas anderes: eine neue Haltung, ein neuer Modus, ein weniger prekäres Gleichgewicht?
Der Philosoph bringt mir ein Bild, das sich tief in mir verankert:
Der Held interessiert sich nur für das Ergebnis. Er muss erfolgreich sein. Gewinnen. Ohne endgültigen Erfolg hat nichts einen Sinn.
Der “gute Spieler” hingegen interessiert sich für das Spiel. Er ist weniger vom Ergebnis abhängig. Er hat Freude am Spiel, hält sich an die Regeln und entwickelt Lösungen, die dem Spiel und den Menschen, die daran teilnehmen, dienen. Er lebt die Ko-Kreation. Und im Falle eines Misserfolgs besteht seine Triebfeder darin, ein anderes Spiel zu spielen oder einfach ein neues zu erfinden.
In einem sehr weiten philosophischen Bogen akzeptiert er den Tod, sucht ihn aber nicht.

Ein Achtsamkeitslehrer an der Fachhochschule in Bern fügt dem Puzzle ein weiteres Stück hinzu:
Eine Person, die von ihren Fähigkeiten überzeugt ist, kann eine Arbeit unterbrechen und später fortsetzen. Sie hat keine Angst davor, eine brillante Idee oder einen Flow-Zustand zu verlieren. Sie erkennt ihr Bedürfnis nach Pausen an und begegnet der Unvorhersehbarkeit, die den Verlauf der laufenden Arbeit möglicherweise verändern könnte, mit Neugier und Gelassenheit.

Dann lädt mich ein Unternehmer ein, an seinen Blockhütten zu arbeiten. Er kennt mich nicht. Und doch vertraut er mir einen für mich überraschenden Freiraum an. Er beobachtet, ohne einzugreifen. Er urteilt nicht. Er lässt mich einfach machen. Er erlaubt mir, mir mein Handeln zu eigen zu machen, als wäre es mein eigenes Projekt. Dann wird mir klar, dass ich fast nie auf diese Weise delegiert habe. Weder an meine Kinder noch an die Personen, mit denen ich zuvor gearbeitet hatte. Als ich ihm Monate später mitteile, wie ich mich in den ersten Stunden an seiner Seite gefühlt habe, ist er tief berührt.

Nach und nach beginnen sich die Einzelteile der letzten Jahre zusammenzufügen. Es entsteht ein unvollkommenes, aber kohärentes Bild.
Der Schlüssel erweist sich für mich als simpel und anspruchsvoll zugleich:
sich die Zeit nehmen, wirklich hinzusehen,
sich die Zeit nehmen, wirklich zuzuhören,
sich Zeit nehmen, um zu spüren, was im anderen und in mir vorgeht.
Sich Zeit nehmen, um die Turbulenzen eines Tages absetzen zu lassen.
Sich Zeit nehmen, um zu verstehen.
Sich Zeit für das Wesentliche nehmen: den gegenwärtigen Augenblick.
Für mich zeigt sich, dass dieser Ansatz Zeit braucht. Er wächst aus Erfahrung und gelebter Praxis heraus und lässt sich nicht allein durch Reflexion erschließen. Ich erlebe diesen Prozess als einen anspruchsvollen Weg, der vieles, was mir vertraut war, ins Wanken bringt und auf eine wundersame Weise neu ordnet.
Heute empfinde ich die Erfahrung, meinen Tiefpunkt erreicht zu haben, als Geschenk.
Selbst wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich nicht einen Moment meines Leidens zurücknehmen wollen. Nicht aus Lust am Schmerz, sondern aufgrund der Klarheit und Dankbarkeit, die für mich entstanden sind.
Ich habe das Gefühl, dass ich durch diese innere Wüste gehen musste, um mich voll und ganz für die Vielfalt und Schönheit dessen, was in unserem Leben möglich ist, öffnen zu können.
Nicht in der Verpflichtung, erfolgreich zu sein.
Nicht in dem Bedürfnis, ein Vorbild zu sein.
Nicht, um das Dasein von Existenzen zu kompensieren, die von Angst, Scham oder Schuldgefühlen beherrscht werden.
Sondern mit dem Elan zu experimentieren.
Mit der Freude am Entdecken.
Mit der Freiheit, etwas zu erschaffen.
Und mit einer grenzenlosen Neugier auf das, was vor uns liegt.
